Gedanken zur Ethik des Eiskletterns
E(i)s ist alles erlaubt, oder? Akzeptanz und Gleichgültigkeit
Stattdessen sind wir unkritischer denn je. Alles wird akzeptiert, was freilich auch positive Seiten hat: So kann jeder klettern, wie er will. Akzeptanz und Gleichgültigkeit liegen jedoch nahe beieinander und in letzter Zeit wird der Alpinismus meiner Meinung nach von Letzterem geprägt. Im Grunde erkennen wir in dieser Entwicklung den allgemeinen Zeitgeist wieder. Der Individualismus hat einen hohen Stellenwert erlangt und führt dazu, dass wir Kritik oft auf persönlicher Ebene auffassen. Dabei ist es mir nur wichtig, ein paar Gedanken loszuwerden und jeden zur Selbstreflexion einzuladen. Einiges, was ich folgend kritisiere, habe ich nämlich selber auch schon gemacht.
Eis ist eine faszinierende Materie und Sinnbild für die Vergänglichkeit auf dieser Welt. Es lehrt uns, dass die Natur stets im Wandel und jeder Augenblick anders ist. Der Zyklus aus Entstehen und Schmelzen findet zwar jedes Jahr statt, spielt sich aber immer unterschiedlich ab. Für uns Eiskletterer und Eiskletterinnen nimmt daher die Beobachtung eine zentrale Rolle ein. Nicht jeder Moment ist perfekt zum Klettern; im Gegenteil, die wenigsten sind es. Dies fordert von uns Geduld und die Bereitschaft zum Verzicht. Doch sind wir dazu wirklich imstande? Oder geben wir der Anziehung der Senkrechten, der Aussicht auf raschen Erfolg allzu oft nach? Gewisse Eisfälle kann man nur alle paar Jahre klettern. Es lohnt sich definitiv, so lange zu warten; die Genugtuung wird dann ungleich größer sein.