Der Tod im Tiefschnee – ohne Lawine
Dreikönigstag 2019. Wir sind zu viert auf Skitour. Es hat über einen Meter geschneit in den letzten Tagen, herrlicher, bodenloser Powder. Bei der Abfahrt durch einen schütteren Lärchenwald muss man es senkrecht krachen lassen, sonst steht man bis zu den unteren Basalganglien im weißen Mehl. Bis es kracht; einer stürzt, mit dem Kopf voran und steckt fest wie ein Fuchs nach Hechtsprung auf Mäusejagd. Es passiert auf Sicht und so ziehen wir den Kameraden rasch aus seinem Loch, alleine wäre er nicht mehr losgekommen.
Unfälle im Tiefschnee: Ein willkürlicher Überblick
Wenn man diese unvollständige Aufzählung (Österreichlastig wegen bequemerer Recherche) auf andere alpine Länder und europäische Bergregionen extrapoliert, darf man annehmen, dass dieser Unfalltyp eben nicht so selten ist, wie allgemein angenommen.
Rechnet man schließlich die sicher deutlich häufigeren noch knapp gut gegangenen Unfälle (near death Ereignisse) mit ein (analog den zahlreichen nicht gemeldeten Lawinenunfällen), dann reden wir nicht mehr von einer Rarität.
Umso erstaunlicher ist die bereits erwähnte Tatsache, dass es wenig Publikationen gibt, die sich damit beschäftigen. Kaum mehr als eine Handvoll deutschsprachige volkspopuläre Artikel findet man, in der wissenschaftlichen (englischen) Literatur sind es knapp ein Dutzend.
Anders in Nordamerika.
NARSID und Tree Well
In USA und Kanada ist NARSID (non avalanche related snow immersion death: also Tod im Schnee außerhalb einer Lawine) seit Jahren ein bekanntes und vieldiskutiertes Thema.
Als Tree Well wird ein sogenannter Baumtrichter oder Baumloch bezeichnet, auch Fichtenfalle genannt (da meist Koniferen), ein enger, kraterartiger Hohlraum rund um einen Baumstamm, oft von mehreren Metern hohem Schnee umschlossen (Abb. 1). Diese Baumlöcher sind – gelegentlich von einer dünnen Schneeverwehung oder tiefhängenden Ästen getarnt – typisch für nordamerikanische Ski- und Tourengebiete, wo es mehr schneit als in den Alpen. Auch wird in NA mehr im schütteren Wald gefahren, die Waldgrenze in den Touren- und Variantengebieten liegt höher.
Diese Hohlräume stellen regelrechte Fallgruben dar, denn stürzt ein Skifahrer in ein solches Loch, kann er sich kaum aus eigener Kraft befreien und es kommt zur „deep snow immersion suffocation“ (Ersticken durch Eintauchen in Tiefschnee) oder Tod durch Erfrieren.
Von 1997 bis 2017 wurden über 70 NARSID-Fälle dokumentiert, wobei explizit auf die sehr hohe Dunkelziffer der knapp gut ausgegangenen Fälle verwiesen wird (Wilderness Medicine Magazine, April 2017).
Derzeit geht man von etwa 4 Todesfällen/Jahr allein in den USA durch diesen Unfalltyp aus. Baugher P. hat in einem recht aktuellen Review (2017) 65 Fälle analysiert und kommt zum Schluss, dass NARSID für 5 % aller tödlichen Skiunfälle und 15 % aller tödlichen Snowboardunfälle verantwortlich ist.
65 % dieser Todesfälle haben ein Tree Well-Szenario als Ursache und Baugher betont, dass der größte Faktor im gesamten Risiko-Setting die grundsätzliche Unterschätzung dieser Gefahr darstellt.
Diese ist klar, wenn man die bisher bekannten Unfälle betrachtet: es braucht tiefen Schnee. Im freien, baumlosen Gelände handelt es sich meist um einen Sturz hangabwärts, mit dem Kopf voran. Durch die Wucht des Sturzes und des Zusatzgewichts durch einen Rucksack tauchen Kopf und Oberkörper tief ein, gelegentlich sind vom Opfer nur noch die Skischuhe mit oder ohne anhängende Sportgeräte zu sehen.
Mangels bisheriger Feldversuche kann über die Schneeverdichtung vor dem Gesicht durch die Dezeleration (Absinken der Herzfrequenz) nur spekuliert werden, doch dürfte diese durchaus der Verdichtung in einem klassischen Lawinen-Schneebrett entsprechen oder auch höher sein. Deshalb kommt es vermutlich zu einer raschen Asphyxie (Erstickung); die Rolle des Kohlendioxids ist in diesen Fällen ungeklärt, weil bisher kaum Daten über eine Atemhöhle existieren.
Beim Tree Well-Szenario, also Sturz in Baumlöcher oder Hohlräume in Latschen und Sträuchern ist möglicherweise manchmal nicht nur rasches Ersticken die Todesursache, sondern das Gefangensein mit folgender Hypothermie, Erschöpfung und Erfrieren.
Für europäische Verhältnisse dürfte der zweite Fall deutlich seltener sein, hier findet man meist ein Eintauchen in freien, tiefen Wildschnee.
Hypothese 1
Anhand der europäischen und nordamerikanischen Zahlen fällt auf, dass bezüglich Mortalität Snowboarder deutlich häufiger betroffen sind als Skifahrer. Da dieses Verhältnis den absoluten Zahlen der Wintersportler nicht entspricht (eher umgekehrt), muss angenommen werden, dass Snowboarder bei diesem Unfalltyp (in der Annahme, die Situation ist unbeobachtet) deutlich schlechtere Karten haben als ihre Kollegen auf zwei Brettern.
Möglicherweise ist es schwieriger, sich mit fixierten Unterschenkeln auf dem Snowboard aus einer solch misslichen Lage zu befreien, immer vorausgesetzt, es besteht noch Bewegungsfreiheit der unteren Extremitäten. Bei Skifahrern berichten einige Fälle über Skiverlust durch den Sturz, so dass die Beine deutlich mobiler sind und durch Stampfen, Wenden und Drehen eine Befreiung eher möglich sein könnte.
Hypothese 2
Kommt der Tod bei NARSID schneller als bei Lawinenverschüttung? Gewagte Spekulation bei fehlender Datenlage, dazu ein paar Überlegungen:
Das Versterben in der Lawine ist gut untersucht, v.a. durch die Arbeiten von H. Brugger. Lässt man letale Traumen und das dritte „H“ des Tripple-H-Syndroms (Hypoxie, Hyperkapnie, Hypothermie), also die Hypothermie, mal außer Acht, dann erfolgt der Kurzzeittod durch Hypoxie (Sauerstoffmangel) und Hyperkapnie (Anstieg des ausgeatmeten CO2).
Bis ca. 18 Minuten Verschüttungsdauer liegt die Überlebenschance bei 80 %. Untersuchtes Szenario dabei ist Ganzkörperverschüttung, fehlende Atemhöhle und komplette Immobilisation durch Einmauerung im Schnee (durchschnittliche Liegetiefe beim klassischen Schneebrett ca. 1 m).
Und genau diesen letzten Punkt gilt es zu untersuchen.
In einer polnischen Arbeit zur NARSID (Kosinski, S. et al.; Anesthesiology Intensive Therapy, April 2013) erwähnt der Autor, dass in einigen Fällen der Tod bereits nach 5-10 Minuten eingetreten sei, ohne die Umstände näher zu beschreiben.
Denkbar wäre, dass bei nicht vollständiger Immobilisation – also dem Freibleiben der unteren Extremitäten – durch den verzweifelten Befreiungskampf der Beine eine deutlich schnellere Sauerstoffausschöpfung aus dem Blut erfolgt.
In Ruhe verbraucht die periphere Muskulatur nur ca. 15-20 % des Herzminutenvolumens (ca. 5 l/min.) und 1/3 des gesamten Sauerstoffs (250-300 ml O2/min). Bei großer körperlicher Belastung steigt die Perfusion aktiver Muskelgruppen bis auf das 20-Fache, dann beanspruchen diese Muskeln 85 % des Herzminutenvolumens und 95 % des zirkulierenden Sauerstoffs (> 3000 ml O2/min.).
Je stärker also die muskuläre Aktivität, desto mehr Sauerstoff extrahiert sie aus dem Kreislauf; Hypoxie und Asphyxie werden beschleunigt.
Deshalb logisch – aber wenig mehr als ein frommer Wunsch – sind die alten Ratschläge aus den alten Lawinenbüchern, sich in solchen Situationen ruhig zu verhalten, um „Luft zu sparen“. Bei Immobilisation in 1 m Tiefe ist diese Empfehlung trivial, beim Todeskampf an der Oberfläche ist sie surreal.
Und damit sind wir bei der Prävention.
Ein Faceshot in den Tiefschnee geschieht im Bruchteil einer Sekunde. U. Mosimann (SAC; 2019) empfiehlt, sich dabei einen Arm vor das Gesicht zu halten, um eine kleine Atemhöhle zu schaffen. Dieser Rat kommt aus der Lawinenpraxis, wo man nach dem Abgang eines Schneebretts meist einige Sekunden Zeit hat für irgendeine Reaktion (sonst wäre auch das Auslösen eines Airbags illusorisch). Bei einem überraschenden, mit großer Geschwindigkeit erfolgten Köpfler halte ich diese Reaktionsmöglichkeit aber für theoretisch, ebenso die Empfehlung, den Schnee mit den Armen beiseite zu schieben.
Was bleibt?
Möglicherweise könnte eine festsitzende Vollgesichts-Sturmhaube, gezielt angezogen für derlei Tiefschneeabenteuer (angenehm auch gegen stiebenden Powder), bei einem Sturz das Eindringen von Schnee in die oberen Atemwege verhindern und so Minuten gewonnen werden; vielleicht kommt irgendwann ein praktikabler Vollvisier-Skihelm auf den Markt (ein bekannter Sportartikelproduzent war vor Jahren an diesem Thema dran).
Als wichtigste Maßnahme überhaupt gilt (besonders im Wald) das Abfahren mit gegenseitiger Sichtkontrolle!
Das bedeutet:
Ein Zurücksteigen um gerade mal 20 Höhenmeter zu einem Gestürzten ist im grundlos tiefen Pulverschnee vielfach beschwerlicher und zeitraubender als im Knollenchaos eines Schneebrettes.
Beim Worst Case ist es – bezogen auf die minütliche Überlebenskurve bei Asphyxie – schlichtweg aussichtslos.