Die Seilschaft: notwendiges Übel, Hölle zu zweit oder Team fürs Glück?
Eine der berühmtesten Seilschaften der Alpingeschichte – und gleichzeitig ihr Negativ-Ideal – war die von Edward Whymper bei der Erstbesteigung des Matterhorns: Eine recht zufällig zusammengewürfelte Zweckgemeinschaft von „Herren“ und Führern, mit einem sehr schwachen Mitglied und einem höchst ehrgeizigen Anführer. Vieles spricht für die These, dass sich Whymper beim letzten Anstieg vom Seil losschnitt, um als Erster der Gruppe seinen Lebenstraum-Gipfel zu erreichen; für den Abstieg musste dann ein dünnerer Strick verwendet werden, der riss, als die unteren vier des Teams ins Stürzen kamen – mit der allgemein bekannten tödlichen Folge (natürlich könnte man auch sagen: Dank dünnen Seils mit reduzierter Folge).
Eine Seilschaft nur als Mittel zum Zweck für ein schwieriges Ziel: Das kann durchaus ok sein. Fraglich ist dann allerdings, ob dieses Bündnis sich auch bei Widrigkeiten bewährt, wenn Verantwortung und Einsatz füreinander gefragt sind. Wie damals am Eiger, wo das Dreamteam Anderl Heckmair und Wiggerl Vörg den durchaus fitten Fritz Kasparek und den wohl stark geforderten und suboptimal ausgerüsteten (keine Steigeisen!) Heinrich Harrer mitnahm und der Anderl die Gruppe durch Wettersturz und Lawinen zum Gipfel hinaufbrachte.
Sind es dagegen mehr als bloße Seil-Partner, sind es Freunde, die sich per Seil verbinden, die sich vertrauen und unterstützen: Dann können beide sich persönlich entwickeln und als Team wachsen, oft über Grenzen hinaus – wie etwa Steve House und Vince Anderson in der Rupalflanke des Nanga Parbat, der vielleicht großartigsten Leistung einer Seilschaft im heutigen Bergsteigen.
Verantwortung, Vertrauen, Entwicklung: Das sind Werte, die wir im gemeinsamen Unterwegssein als Seilschaft erfahren können, über die bloße bergsportliche Aufgabe hinaus. Etwas weniger pathetisch gesagt, und ein bisschen schlichter hingeschaut: raufkommen – und Spaß haben dabei. Aber das Raufkommen steht natürlich meist zuerst mal im Vordergrund.
Die Seilschaft als Problemlöse-Gemeinschaft
Für die Seilschaft in ihrer Funktion als Problemlöse-Gemeinschaft gibt es unterschiedliche Prinzipien der Aufgabenverteilung. Oft nehmen wir diese Strukturen nicht wahr, weil sie sich unbewusst etablieren; die Beziehung kann sich auch ändern, je nach Situation. Deshalb sind die folgenden Typisierungen als abstrakte Idealisierungen zu verstehen. Und die psychologischen Wirkungen als Potenziale, die sich je nach Persönlichkeit unterschiedlich stark realisieren können.
Das Konstrukt hat zwei Sonderfälle:
Wie angedeutet, sind die Übergänge zwischen den Idealformen fließend und werden sich sinnvollerweise oft flexibel der Situation anpassen. Vom Augenhöhe-Team bei gut beherrschten Aufgaben hin zu hierarchischeren Aufteilungen, wenn es heikel wird: unerwartete Schwierigkeiten, schlechtes Wetter, Unfall oder „Schwächeln“. Klar ist aber auch, dass die psychologischen Wirkungen den Spaß am gemeinsamen Unterwegssein beeinflussen. Wie man damit als Team umgeht, kann wiederum von Rollen-Konstellationen abhängen.
Emotionale Konstellationen in der Seilschaft
Denn nicht nur, wie viel ich zum Erfolg der Seilschaft beitrage, ist ein emotionaler Faktor – die Umgebung, die Gefahr, Anstrengung und Widrigkeiten tragen dazu bei, dass wir fluchen, weinen, brüllen, bibbern. Die Ausnahmesituation „Berg“ macht die Haut dünn, Emotionen kommen leicht an die Oberfläche. Wie es der deutsche Bergsteiger Mani Sturm über die Beziehung zu seiner Frau Christa geschrieben hat: „Wir kannten nicht nur unser Sonntagnachmittagausgehgesicht, sondern auch unsere ungeschminkte Seele.“
Natürlich sind starke Gefühle nicht nur zwischen Eheleuten oder zwischen Mann und Frau möglich. Und „männliche“ oder „weibliche“ Rollen gelten in der Genderdiskussion als überholte Klischees – Sklaven solcher Rollenerwartungen sind wir gewiss nicht. Dennoch eignen sich die Stereotype, um mögliche Probleme der Rollen-Konstellationen zu skizzieren. Um klarzustellen, dass hier nicht das biologische Geschlecht gemeint ist, verwende ich englische Begriffe.
können Gender-Klischees sich ergänzen – oder zu Problemen führen. Der unhinterfragbare Dauervorsteiger oder der paternalisierende Beta-Zutexter sind nur zwei typische Beispiele, wie Männer Frauen in Seilschaften dominieren und ihre Entwicklung behindern können.
Wenn die Seil-Partnerschaft auch die Stunden abseits des Bergsports umfasst, verlieren immerhin Regentage ihren Schrecken (solange man überhaupt noch zum Klettern kommt). In der Flirtphase mag das Bedürfnis, den erhofften Partner zu beeindrucken, zu Hochleistungen motivieren – oder aber dazu, Dinge dem anderen zuliebe zu tun und Bedürfnisse und Ängste zu ignorieren. Ist man länger ein Paar, können sich schlechte Gewohnheiten festfressen, und die intensive Nähe senkt oft die Höflichkeitsschwelle. Beim Partner, mit dem man ein Leben verbringen will, summieren sich die kleinen Fehlerchen ins schwer Erträgliche, und leicht fordert man ein übertriebenes Maß an Perfektion ein, weil man ihn ja nicht wie einen unkompetenten oder unzuverlässigen Gelegenheitspartner in die Wüste schicken kann.
Zu schade, dass oft gerade bei Paar-Seilschaften der Segen schiefhängt – sind sie doch primär aus dem Wunsch gebildet, gemeinsam eine gute Zeit zu verbringen. Natürlich sei Paartherapeuten ihre Berufsperspektive gegönnt. Aber zumindest die gemeinsame Freizeit soll die Partnerschaft nicht ins Wackeln bringen. Dazu helfen ein paar Leitsätze, die wir verinnerlichen können – und dann können wir daran arbeiten, sie zu leben. Das geht nicht von heute auf morgen, aber es geht.
Zu jeder gemeinsamen Unternehmung gehört neben der klassischen Tourenplanung und der Absprache des Risikokonzeptes auch die Klärung der individuellen Erwartungen: Was will ich? Leistung/Erfolg/Erlebnis/Erholung/Gemeinsamkeit? Die Erwartungen des Partners nimmt man respektierend zur Kenntnis, dann bemühen sich beide, die womöglich unterschiedlichen Ideen unter einen guten Hut zu bringen. In der anschließenden realen Situation haben beide diese Absprache im Hinterkopf und versuchen wahrzunehmen und gegenzusteuern, wenn etwas aus dem Ruder läuft. Eine Manöverkritik hinterher, die die Frage fokussiert, wie der Kritikpunkt hätte vermieden werden können, lässt beide für die Zukunft lernen.
Hat die Seilschaft Zukunft?
Diese Frage scheint berechtigt, wenn das einsame Gipfelselfie mehr zählt als die Umarmung. Wenn der Halbautomat jeden Sicherungspartner recht erscheinen lässt – bei Fehlern gibt’s ja Rechtsanwälte. Und wenn das Sicherungsbunny mit dem speckig-staubigen Bunnyclimb in der Efeuzone abgespeist wird. Bahn frei dem Egoismus?
Nein! Ich bin überzeugt, dass diese Aussagen überspitzt sind. Dass die meisten Seilschaften und Bergpartnerschaften mehr sind als ein Mittel zum Erreichen des vereinbarten Zwecks. Diese eigene Erfahrung wird durch Aussagen von Freunden gestützt: Es kann wichtiger sein, mit wem ich unterwegs bin, als welche Tour wir dann gemeinsam machen – der „gemeinsame Weg“ ist das Ziel, eine gute Zeit mit einem vertrauten Menschen und einer passenden Aufgabe.
Aber dass eine Seilschaft funktioniert, ist kein Selbstläufer. Ich muss die Fallen kennen, in die ich dann hoffentlich nicht mehr tappe. Ich sollte die Maßnahmen anwenden, die zu einem besseren Miteinander führen. Ich darf mich öffnen und Offenheit annehmen. Dann kann ich persönlich wachsen, und mein Partner, meine Partnerin genauso. Und der Gipfel ist nur noch der Bonus.