Tourengruppen mit Ski & Snowboard: Ein Teambuildingversuch
In tief verschneiten Hängen zeigen Snowboards ihre Stärken: Lange Radien, hohe Geschwindigkeit, das Brett schwimmt auf wie ein Surfboard in der Welle. Aber wie sieht es bei problematischen Stellen aus? Wie können Querungen und Flachstücke gemeistert werden? Wie kann sich die Fahrgemeinschaft aus Skiern und Snowboards dabei gegenseitig unterstützen? Ob im Touren- oder im Variantenbereich: Es ergeben sich einige Fragen, wie die Abfahrt einer gemischten Gruppe organisiert werden kann. Noch mehr als im Aufstieg sind die hier vorgestellten Methoden, Tipps und Tricks keine allgemeingültigen Empfehlungen. Vielmehr sind sie als ein Werkzeugkasten zu verstehen, aus dem man je nach Ausgangslage und Ziel die passenden Werkzeuge auswählen kann.
Querungen
Querungen sind eine der Problemstellen für gemischte Gruppen. Mit dem Snowboard ist es wesentlich schwieriger in einer Traverse die Höhe zu halten. Die Stöcke fehlen zum Anschieben und kurze Seitschritte sind während der Fahrt unmöglich. Wer einmal nach unten abrutscht, gelangt nur schwer in die Spur zurück. Es gibt aber Methoden, Querungen besser zu meistern.

Im Steilen
Steile und unwegsame Passagen abzurutschen kann mit dem Snowboard auf zwei Arten geschehen.
Im Flachen
Flachstücke und Gegenanstiege sind der Erzfeind des Snowboards. Wer sich wegen des Bewegungsgefühls beim Abfahren für das Snowboard entscheidet, muss manch mühsame Passage in Kauf nehmen und hin und wieder abschnallen, stapfen oder anschieben. Trotzdem gibt es Wege, Flachstücke schneller zu bewältigen.

Hilfestellung (Abb. 2). Es gibt zahlreiche Methoden der gegenseitigen Hilfestellung innerhalb der Gruppe. Die Bandbreite reicht von sinnvoll und bewährt (Skistöcke ausborgen, Snowboarderinnen anschieben und ziehen) bis kreativ und hochriskant (Schleudergriffe, Transport der Snowboarderinnen auf den Skienden).
One-Footed. Ähnlich wie beim Skateboarden oder Schleppliftfahren den hinteren Fuß abschnallen und anschieben, Schwung holen und den Fuß wieder aufs Brett stellen. Voraussetzung dafür sind Fahrkönnen und eine Schneeoberfläche, auf der mit einem Fuß angeschoben werden kann.
Splitboard im Ski-Modus. Wenn am Ende einer Tour lange flache Passagen (Talböden, Langlaufloipen etc.) warten, können Splitboards auch geteilt wie Skier benützt werden. Bei manchen Splitboardbindungen kann dazu die Bindung fixiert werden (Heel-Lock). Eventuell kann auch Ähnliches mit Zurrgurten oder einem Ski-Fix improvisiert werden (Steighilfe mit der Bindung im Fersenbereich verbinden). Vorsicht: keine Sicherheitsbindung!
Für gemischte Ski-Snowboard-Gruppen ist es sehr hilfreich, im Vorhinein zu besprechen, welche dieser Tricks und Tipps wann und wie eingesetzt werden können. Insbesondere die Methoden der gegenseitigen Hilfe können – geübt und richtig angewandt – enorm zeitsparend wirken.
Stärken des Snowboards
Beim Anpassen der Tour sollten nicht nur die Schwächen des Snowboards beachtet werden. In der Abfahrt spielen sie oft ihre Stärken aus.
Schlechtschnee. Mit dem Ski gefürchtete, schwierig zu fahrende Schneearten sind mit dem Snowboard weniger problematisch. Nassschnee, Wind- und Bruchharsch sind meist noch gut befahrbar. „Hängenbleiben“ wie mit einem Ski im Bruchharsch und entsprechende Knieverletzungen sind unwahrscheinlich.
Sicherheitsbindung. Weil beide Füße fix mit dem Brett verbunden sind und sich nicht zueinander verdrehen können, haben Snowboards keine Sicherheitsbindung. Eine zeitraubende Suche des im Schnee verschwundenen Skis entfällt damit.
Material. Die Geländetauglichkeit auf Skiern hängt davon ab, ob ein Pisten-, Touren- oder Freerideski gefahren wird. Bei Snowboards ist eine vergleichbare Unterscheidung weniger relevant. Grundsätzlich sind handelsübliche Snow- und Splitboards für die Abfahrt im Gelände geeignet und bieten selbst nach starken Neuschneefällen ausreichend Fläche, um auf der Schneeoberfläche zu schwimmen. Nur spezialisierte Freestyle-Boards (Twintips) sind wegen fehlender Setbacks* schlechter geeignet.
Gruppendynamik
Häufig kennen sich gemischte Gruppen untereinander bereits und sind es gewohnt, sich gegenseitig zu unterstützen. Bei Gruppen, die sich nicht kennen, muss kein Bewusstsein für Snowboard-unfreundliche Passagen und Methoden der gegenseitigen Unterstützung vorhanden sein. In jedem Fall lohnt sich eine Vorbesprechung der Tour hinsichtlich der Stärken und Schwächen gemischter Gruppen. Dies sollte nicht im Sinne des Abwertens der Snowboarder*innen geschehen, sondern im Sinne des offenen und unterstützenden Ansprechens von Möglichkeiten der Hilfestellung und von Szenarien unterschiedlicher Vorgangsweisen für beide Seiten (z. B.: getrennte Spuranlage).
Mir selbst sind einige negative wie positive Beispiele bekannt. In einem Fall wurden im Rahmen eines Lawinen-Ausbildungskurses mehrmals offensichtlich schlecht geeignete Sammelpunkte gewählt, Flachstücke durch wenig vorausschauende Fahrweise unnötig verlängert und die einzige Snowboarderin dabei nicht unterstützt. Das Ergebnis war eine lange wartende Gruppe, eine erschöpfte Snowboarderin die sich im Stich gelassen fühlte, und länger dauernde Abfahrten für alle. Auf der anderen Seite gibt es viele Positiv- Beispiele, wo in gemischten Gruppen eine Kultur der Unterstützung und gegenseitigen Rücksichtnahme etabliert wurde. Oft entsteht dabei ein regelrechter Wettbewerb unter Skifahrerinnen, wer als nächstes die Snowboarderinnen ziehen darf.
Auch beim Getränk danach ist auf eine respektvolle Atmosphäre zu achten. Witze und Sticheleien zwischen beiden Seiten gehören dazu, dabei sollte nicht jedes Wort auf die Goldwaage gelegt werden. Getreu dem Sprichwort „Was sich liebt, das neckt sich“ sollten diese aber innerhalb eines wertschätzenden Rahmens bleiben. Fingerspitzengefühl für die Grenze zwischen Spaß und Ernst ist nötig.

Fazit
Besonders in den letzten Jahren hat sich der Tourensport stärker differenziert. Die Ottonormalgruppe existiert nicht, ganz unterschiedliche Motive und Vorlieben können im Vordergrund stehen: Genießen der Natur, Maximieren der Höhenmeter, Sammeln von Gipfeln oder die Suche nach unverspurten Abfahrten. Tourenauswahl und Führungsverhalten an diese Vorlieben anzupassen, ist eine Selbstverständlichkeit und das tägliche Brot von Guides.
Ebenso selbstverständlich sollte es sein, sich über die Anforderungen von gemischten Ski-Snowboard-Gruppen Gedanken zu machen. Das setzt Know-how über Snowboard-Ausrüstung sowie Aufstiegs- und Abfahrtstechniken voraus. Wer das berücksichtigt, gelangt schneller, sicherer und genussreicher wieder ins Tal. Die Snowboardwelt wird dankbar sein.
Martin Maurer stellt in der Ausgabe 118 unter der Rubrik „Lehrer Lämpel“ noch vor, wie Snowboards zur Rettung verwendet werden können.
Glossar
- Frontsidekante: Zehenkante; auch Toeside
- Backsidekante: Fersenkante; auch Heelside
- Switch: mit dem Tail (Boardende) voraus fahren, „rückwärts“
- Natural: mit der Nose (Boardspitze) voraus fahren, „vorwärts“
- Regular: Bindungsposition mit linkem Bein vorne, Natural-Querungen nach rechts auf der FS-Kante möglich
- Goofy: Bindungsposition mit rechtem Bein vorne, Natural-Querungen nach links auf der FS-Kante möglich
- Belgischer Kreisel: Technik aus dem Rennradsport, wo der Windschatten ausgenützt wird, damit die ganze Gruppe schneller fahren kann
- Full Send: „Vollgas!“, Ausdruck großer Risikobereitschaft