Nachgefragt bei Roman Dirnböck

Der Winter hat für mich im November mit einem Skilehrervorbereitungskurs begonnen, wo ich am Kitzsteinhorn drei Wochen lang täglich mit einer neuen Gruppe einen Freeridetag leite. Dort versuche ich ihnen die Risiken aufzuzeigen und wie sie damit umgehen können. Ab Mitte Dezember war ich privat und mit Kunden hauptsächlich auf Skitouren vor der Haustür unterwegs, was trotz der geringen Schneelage möglich war. Mit der „Schneekatastrophe“ war das dann umgekehrt: genug Schnee, aber zumindest zu den Spitzenzeiten sehr eingeschränkte Möglichkeiten …

In der Planung arbeite ich hauptsächlich mit „Stop or Go“, von der ich ehrlich gesagt aber vor Ort im Freien leicht abweiche. Dort lege ich dann noch mehr Wert auf die Beobachtungen im Gelände und in der Schneedecke, die sich dann gemeinsam mit einem „Bauchgefühl“ zu einer Entscheidung formen.
Grundsätzlich muss man einmal sagen, dass diese Informationen nicht überall in den Alpen gleich gut sind – aber immer besser werden. Die Gefahrenstufe und vor allem die Details aus der Schneedecke sind für mich die Basis zur Planung. Wenn sich dann meine lokalen Beobachtungen im Gelände damit nicht decken, korrigiere ich das entsprechend für mich; wenn überhaupt, dann verifiziere ich für mich meist ca. eine halbe Stufe nach oben oder unten.
Wir haben Anfang der 2000er-Jahre bei einer Bergführerfortbildung mit Werner Munter seinen „Nivocheck“ – einen Fragebogen zur Einschätzung der lokalen Gefahrenstufe durch beobachtbare Kriterien – ausprobiert. Dabei ist herausgekommen, dass diese erste Einschätzung eines Fachkundigen, der sein umgebendes Gelände begutachtet, recht genau zutrifft bzw. nur gering von dem abweicht, was nach unzähligen Analysen herauskommt.
Ich fahre damit gut und ergänze diese Methode bei Bedarf, d.h. bei neuen oder unklaren Verhältnissen, mit einem kurzen Blick in die Schneedecke und einem kleinen Blocktest.
Dass ich natürlich sehr defensiv unterwegs war: ohne größere Einzugsgebiete über mir und in tieferen Lagen im Wald- und Wiesenbereich. Gute Ortskenntnis war gefragt, weil ja auch die Sichtverhältnisse oft schlecht waren. Meine Gäste waren positiv überrascht, dass man auch bei dieser Situation was machen kann, Powder war jedenfalls genug da. Ich musste nur umplanen, aber nichts absagen.
Da ich hauptsächlich mit Privatgästen unterwegs bin, erlebe ich das vielleicht etwas anders, weil man sich ja gut kennt. Defensive Entscheidungen und wenn notwendig auch Absagen sind für mich und meine Kunden kein Problem, sondern ein Muss – und das wird nicht nur akzeptiert, sondern honoriert.
Zu den Spitzenzeiten deckte sich meine Einschätzung grundsätzlich schon mit den Aussagen und Beurteilungen der Experten, die in den Medien aufgetreten oder zitiert worden sind. Die Berichterstattung in der Tagespresse ist für die Masse gemacht, und hier wird natürlich jede Warnung eines Experten fett hervorgehoben und prominent präsentiert. Leider auch dann, wenn diese von Menschen kommen, die ich nicht unbedingt als Experte bezeichnen würde … Letztendlich hat das heuer das Thema übermäßig angeheizt. Was mir dann gefehlt hat, war, dass die schnelle Entspannung der Situation wenig bis gar nicht kommuniziert wurde.
Es ist völlig egal „warum“!!! Es ist die Aufgabe der Bergrettung, in Not Geratenen und Verletzten zu helfen bzw. sie zu bergen – und das tun wir gerne.
Dabei gehen wir selbstverständlich nicht hirnlos vor, sondern die Risiken und Chancen eines Einsatzes werden immer genau abgewogen, bevor es zu einer Entscheidung kommt. Sobald dieses Risiko bzw. die Gefahr für die Retter steigen, wird der Einsatz unterbrochen – und gewartet, bis sich die Verhältnisse bzw. die Situation besseren – oder er muss abgebrochen werden.
Es gibt einen Grundsatz bei der Bergrettung: „Das Leben der BergretterInnen geht vor.“ Wir sind keine Helden! Zum Zweiten: Unsere Aufgabe ist es zu helfen und nicht zu urteilen oder Strafen zu fordern, das machen die Gerichte.
Und noch ein offenes Wort: Ich denke jeder Bergbegeisterte ist in seiner Karriere durch unvorhersehbare Umstände bis hin zum Eigenverschulden schon einmal in eine unangenehme Situation geraten, in der er Hilfe gebraucht hat. Also, der werfe den ersten Stein.
Eine fundierte Ausbildung ist für mich die Basis, und dann: gut planen, immer einen Plan B in der Tasche, wenn notwendig zurückstecken sowie im Gelände als Gruppe immer gut zusammenarbeiten. Und vor allem danach alles offen ansprechen und reflektieren – nur so lernt man dazu.
Tauscht euch so viel wie möglich vor Ort mit den Kollegen über die Verhältnisse aus. Das hilft und bringt euch viel weiter, als wenn ihr nur im eigenen Süppchen kocht.
Das muss man diesen Winter natürlich explizit in die Planung miteinbeziehen und solche Bereiche meide oder umgehe ich. Dazu sind wie gehabt eine gute Ortskenntnis und die täglichen Beobachtungen enorm wichtig. Und auch hier wieder der Austausch mit ortskundigen Kollegen.
Roman Dirnböck lebt in Kaprun, hat vor mehr als 20 Jahren die Ausbildung zum Berg- und Skiführer sowie zum Skilehrer abgeschlossen und arbeitet seitdem hauptberuflich in den Bergen. Ob als Privatbergführer seines Unternehmens dein-bergfuehrer.at oder als Ausbilder im Bergrettungsdienst ist Roman über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt und genießt einen hervorragenden Ruf als erfahrener und kompetenter Profi. Es gibt in den Alpen wohl kaum eine Gegend, in der er im Winter noch nicht seine Spuren hinterlassen hat, und er ist einer der Wenigen, die alle 4.000er der Alpen bestiegen haben – Roman als Bergführer mit Kunden wohlgemerkt.