Solenne Piret: Mit einer Paraclimbing – Weltmeisterin im Gespräch
Ich habe es nicht immer gemocht, weil es Sonntagsausflüge mit der Familie bedeutete, und als Teenager ist das nicht besonders cool. Und dann hatte ich natürlich eine gute Entschuldigung dafür, dass ich nicht hochkomme. Niemand hat mich gepusht, mich mehr anzustrengen und nochmal zu probieren. Ich hatte kein Vorbild, mit dem ich mich identifizieren konnte und das mir zeigen konnte, was möglich war.
Ich glaube schon. Ich glaube, ich hinterfrage oft Dinge. Aber ich habe auch die Kraft, diese Zweifel beiseite zu legen, an mich selbst zu glauben, auf mich selbst zu hören und vor allem, mich nicht von anderen einschränken zu lassen!

Solenne Piret
Die Französin Solenne Piret (*1992) ist Architektin und vierfache Paraclimbing-Weltmeisterin in der Kategorie AU2, in der Kletterinnen und Kletterer mit Amputation oder Fehlbildung eines Vorderarms starten. Sie wurde ohne rechten Unterarm geboren und klettert Boulderprobleme bis zum Schwierigkeitsgrad 7B.
Es war nicht einfach, mit diesem Unterschied aufzuwachsen, auch wenn ich immer das Glück hatte, von den richtigen Menschen umgeben zu sein. Als Kind träumte ich jedoch davon, wie die anderen zu sein, also versteckte ich meinen Arm. Und ich war sehr gut darin! Einige meiner Klassenkameraden brauchten Monate, um zu erkennen, dass ich keinen Unterarm habe! Ich war eine Tagträumerin und suchte oft Zuflucht in meiner Phantasie.
Einen stylishen Lebensstil zu führen und gleichzeitig eine Topathletin zu sein.
Ja, aber damals waren es unmögliche Träume. Ich hätte nie geglaubt, dass sie eines Tages Wirklichkeit werden.
Es ist offiziell, wir sagen jetzt auch in Frankreich „Paraklettern“. Es ist nur ein semantischer Unterschied, aber der Begriff zeigt, dass wir Fortschritte machen! Denn „para“ bedeutet „parallel“ und es ist wichtig, bei Menschen mit Behinderung keinen Unterschied zu machen, sie nicht auszugrenzen. Im Allgemeinen wird eine Behinderung zunehmend akzeptiert, bleibt aber für viele immer noch eine Abnorm. Ich persönlich frage mich, was ich mit zwei Händen machen würde (lacht). Es ist alles eine Frage der Perspektive!
Ich hatte kein Vorbild, mit dem ich mich identifizieren konnte und das mir zeigen konnte, was möglich war.
Ja, das ist immer noch mein Credo. Jeder hat seine eigenen Behinderungen, auch wenn sie nicht immer als solche bezeichnet werden. Ich sehe mich selbst als die Spitze des Eisbergs, weil meine Behinderung klar erkennbar ist und ich darüber sprechen kann, ohne dass jemand etwas in Frage stellt. Ich höre oft: „Ich habe diese oder jene Angst, und sie behindert mich bei diesem oder jenem.“ Wir werden nicht alle mit einer Behinderung geboren, jedoch können alle leicht in eine Handicap-Situation geraten.

In diesem Winter würde ich gerne noch mehr eisklettern. Ich war die letzten Winter öfter und es hat mir sehr gut gefallen! Letzten Winter habe ich mich dann auch erstmals in den Vorstieg gewagt. Das war gruselig, aber richtig toll. Und nach der WM ist vor der WM (lacht)! Nach Bern 2023 kommt irgendwann bestimmt wieder die nächste Weltmeisterschaft, für die ich trainieren werde.
Ich klettere mit zwei Eisgeräten und klemme das rechte mit meinem Ellenbogen ein, also genauer gesagt klemme ich es in die Ellenbeuge. Mit dem rechten kann ich so nicht wirklich ins Eis schlagen, weshalb ich kleine Unebenheiten und Hooks finden muss. Wenn das Eis zu hart ist und ich keine Hooks finde, wechsle ich vom rechten Eisgerät auf das linke. Manchmal ist das ein ziemlicher Mist (lacht), jedenfalls sehr herausfordernd.
Mein Traum ist unter anderem, 8a am Fels zu klettern und die Olympischen Spiele. Es ist wichtig, einen Traum zu haben, sogar mehrere! Es ermöglicht uns, voranzukommen, Motivation zu finden, sich aber auch neu zu erfinden.
Botschaft:
Verschließt euch nicht, bleibt offen für das, was euch umgibt, und lebt eure Leidenschaft in vollen Zügen. Das Einzige, was ihr bereuen werdet, ist, dass ihr es nicht getan habt.
Hier geht’s zum Interview mit Angelino Zeller, Paraclimbing Weltmeister.