Angelino Zeller: Mit einem Paraclimbing – Weltmeister im Gespräch
Ich bin nach meinem Unfall über eine Inklusionskletterveranstaltung vom Alpenverein (INKlettern-Tour) wieder zum Klettern gekommen. Bei dieser Kletterveranstaltung waren Leute vom Paraclimbing-Nationalteam und weil ich mich dabei nicht so schlecht angestellt habe, haben sie mich dann zu einem Trainingslager nach Innsbruck eingeladen, wo ich die Kaderkriterien erfüllen konnte. So bin ich in das Ganze reingerutscht.
Man kann alles erreichen, wenn man wirklich will
Am Anfang, als ich mir die Route angeschaut habe, war bei mir auch ein großes Fragezeichen, ob das überhaupt möglich ist. Die Züge sind unglaublich schwer und haben für mich unlösbar gewirkt. Aber dennoch, nach vielem Probieren ist es immer besser geworden und irgendwann war da Licht am Ende des Tunnels.
Damit ich überhaupt in die Route komme, war ein spezieller Seilaufbau für mich notwendig, da der Start viel zu flach für mich ist und ich sonst meine Füße nach oben über den Fels hätte schleifen müssen. Darum habe ich mich die ersten Meter am Seil nach oben bis zum Überhang ziehen müssen. Das ist genau da, wo die 8a anfängt. Ich habe mir dann Teile von der Route in der Halle nachgebaut, um dort die Schlüsselstellen einzuüben.

Angelino Zeller
Der Österreicher Angelino Zeller (*1996) ist dreifacher Paraclimbing-Weltmeister in der Kategorie AL 1, bei der die Beine nicht verwendet werden können. Seit einem Paragleitunfall im Jahr 2017 ist der Steirer querschnittgelähmt.
Bis auf Mittwoch und Sonntag ist eigentlich jeden Tag Training, teilweise sogar zweimal am Tag. Seilklettern, Campusboarden, Bouldern, Krafttraining, Leistenhängen, Ausgleichstraining und von dem Ganzen verschiedenste Varianten. Insgesamt sind es ca. 15 bis 20 Stunden pro Woche.
Ja das stimmt, das Verhältnis hat sich seit dem Unfall und durch das Training stark verändert. Die Beine haben extrem abgenommen, da ich sie durch meinen Unfall nicht mehr so ansteuern kann und quasi dadurch einen Muskelschwund habe.
Der Oberkörper ist deutlich breiter geworden, da ich jetzt im Alltag das meiste des Unterkörpers damit kompensiere, und zusätzlich konzentriert sich das gesamte Training und Klettern rein auf die oberen Extremitäten und den Rumpf. Ich wiege momentan ungefähr 63 Kilogramm.
Hahaha, nein, habe ich noch nie, aber diese Frage habe ich schon öfter gestellt bekommen. Grundsätzlich hebe ich mich wahrscheinlich am meisten ab von den „Gesunden“ durch meine Zugkraft, also beim Hangeln. Fingerstrom haben die Profi-Boulderer und -Leadkletterer sicher mehr, da wir nicht so extrem kleine Griffe beim Wettkampf haben wie sie.
Grundsätzlich ist diese Information spannend, da ich dadurch weiß, dass ich bei der Fingerkraft noch viel aus mir rausholen kann. Das eine oder andere Mal hatte ich schon einen Vergleich mit Wettkampfkletterern ohne Einschränkung. Und da war ich bei der Campusboard-Ausdauer doch überlegen.
Video: HANG | Klettern trotz Rollstuhl
Grundsätzlich sind wir dank des Österreichischen Kletterverbandes (KVÖ) gut aufgestellt und bekommen fast alle Reisen und Bewerbe finanziert – natürlich auch abhängig von der Leistung der Athleten. Da gibt es viele Länder, denen es deutlich schlechter geht, wo die Athlet:innen vieles selber finanzieren müssen.
Mittlerweile läuft es mit eigenen Sponsoren sehr gut und die Nachfrage wird auch immer größer. Seit einiger Zeit werde ich beispielsweise von The North Face und Black Diamond gesponsert. Leben kann man allerdings noch nicht ganz davon, was sich aber in nächster Zeit vielleicht ändern wird.
Ich mach mir aus jeder Situation einen Spaß, genieße jeden Moment und bin über jede Kleinigkeit im Leben dankbar.
Gute Frage. Würde sagen, Kalk ist von den Griffen her oft am kletterbarsten für mich, aber ich mag die Abwechslung. Vor meinem Unfall mochte ich Granit am liebsten.
Hmm, kann ich fast nicht sagen. Es gibt extrem viele schöne Gebiete: Spanien, Italien, Frankreich, Amerika. Die Adlitzgräben waren das erste Klettergebiet, in dem ich als Rollstuhlfahrer wieder versuchte, ann der Felswand zu klettern. Grundsätzlich beschränken sich jetzt die Klettergebiete auf gewisse Faktoren, damit für mich das Klettern überhaupt möglich wird. Der Zustieg soll machbar sein, die Wand überhängend und die Route sollte für mich einigermaßen hangelbar sein.
meinen Rolli (lacht). Kappe oder Haube.
Es sind meistens Momente in der Natur, die übernatürlich magisch sind. Wenn was passiert, das man sich nicht erklären kann. Aber natürlich auch gewonnene Bewerbe oder Durchstiege von schwierigen Felsrouten.
Gott sei Dank war das bei mir nie der Fall. Ich glaube, dass ich aufgrund meines Mindsets nie in ein Loch gefallen bin. Grundsätzlich bringt das Jammern, Trauern oder Ärgern in so einer Situation absolut nichts, es bringt einen weder weiter noch ändert sich die Situation zum Besseren dadurch. Darum habe ich es einfach akzeptiert, so wie es ist, und habe versucht, überall das Positive zu sehen.
Was mir sicher eine große Hilfe war, ist, dass ich durch meine Großeltern diese mentale Stärke in die Wiege gelegt bekommen habe und mehr oder weniger mit so einer Einstellung aufgewachsen bin.
Wenn sich gesunde Leute auf Behinderten-Parkplätze stellen. Auch wenn es nur zum Warten ist oder um wen abzuholen. Rollstuhlfahrer können auf schmalen Parkplätzen oder wenn sich wer knapp daneben hinstellt weder aus- noch einsteigen. Ab und zu hör ich von anderen Menschen, dass manche nicht wissen, wie sie mit einem Rollstuhlfahrer reden sollen. Ich glaub, dass man sich über so was keine Gedanken machen sollte, sondern einfach so tun soll, wie mit jedem anderen auch.
Wenn ich eins mitgeben möchte, dann:
dass im Leben absolut nichts unmöglich ist und man wirklich alles erreichen kann, wenn man wirklich will, auch wenn es noch so unrealistisch erscheint!
Egal ob beim Sport, im Beruf, in der Freizeit, eigentlich in jedem Lebensbereich. Ich mach mir aus jeder Situation einen Spaß, genieße jeden Moment und bin über jede Kleinigkeit im Leben dankbar. Wenn man das tut, was einem Freude macht, ist man richtig gut in dem, was man macht, und es passiert immer das Richtige zur richtigen Zeit.
Wer Angelino besser kennenlernen will, dem sei die erst kürzlich erschienene Doku HANG (unterstützt von Alpenverein Österreich und Austria Climbing) ans Herz gelegt! Prädikat: Sehr sehenswert!
Hier geht’s zum Interview mit Solenne Piret, Paraclimbing Weltmeisterin.