Kolumne: Grundsätzlich
Tom Dauer sucht Antworten. #inunsrernatur11
Ich bin nicht der Typ, der gerne grundsätzlich wird. Dafür schwirren meist zu viele Gedanken gleichzeitig in meinem Kopf herum, mitunter auch abwegige und solche, die sich widersprechen. Es gibt, was das Leben und die Dinge anbelangt, halt nicht nur Schwarz und Weiß, sondern sehr viele Grautöne dazwischen.
Wenn man zudem versucht, auch die Gedanken derer zu verstehen, die anderer Meinung sind – was nicht heißt, auch Verständnis zu haben –, ist eh alles zu spät: Auf Grundsätzen bestehen dann nur Menschen, die die Grundsätze anderer mit Füßen treten … merkste selber, oder? Es kostet mich daher einige Überwindung, einen Standpunkt zu formulieren, der eine gewisse Absolutheit beansprucht.
Ich versuche es dennoch. Vor allem deshalb, weil ich mir selbst immer wieder neu über meine Position in einem ebenso schwierigen wie wichtigen Diskurs klarwerden will. So pointiert wie möglich: Das Recht des Einzelnen, sich in der Natur zu bewegen, ist unantastbar und nimmt den einzelnen zugleich in die Pflicht, die Natur zu schützen. Ich persönlich steige deshalb nicht in Sportkletterrouten ein, wenn ein brütender Wanderfalke kläglich schreit.

Ich umgehe Wald-Wild-Schongebiete, auch wenn ich weiß, dass die Raufußhühner ganz woanders balzen. Ich habe und werde nie Fotos geotaggen, alte Wege beschreiben oder GPS-Tracks veröffentlichen. Ich schränke meinen Konsum ein, verzichte weitestgehend auf Flugreisen, nutze mein Radl und öffentliche Verkehrsmittel, verhalte mich in der Natur generell respekt- und rücksichtsvoll und trage so meinen Teil zu ihrer und meinem und unserem Erhalt bei.
Systemische Gründe
Tja, grundsätzlich ist das gut und schön, und ich nehme an, dass viele Einzelne genauso denken und diese vielen Einzelnen sogar die Mehrheit bilden. Dass sich trotzdem nichts verändert, muss daher andere Gründe haben, und zwar systemische (um nicht schon wieder „grundsätzlich“ zu schreiben). Denn so lange …
… so lange läuft grundsätzlich (hier ist es wieder) etwas falsch. Gut 50 Jahre sind vergangen, seitdem der „Club of Rome“ in seiner Studie „Die Grenzen des Wachstums“ ausleuchtete. Dennoch wird die Verantwortung für den Schutz von Natur und Umwelt, für den Kampf gegen Klimawandel und globale Erwärmung, für Overtourism und Gesellschaftskollaps nach wie vor dem Einzelnen aufgebürdet, während sich Industrie und Wirtschaft, Politik, Lobbys und Bürokratie aus der Verantwortung stehlen.
Angesichts dieser Diskrepanz den Kopf in den Sand zu stecken, wäre die falsche Reaktion. Darauf hinzuweisen, halte ich dagegen für richtig. Je mehr Menschen das tun, umso größer ist die Chance, dass sich etwas zum Guten verändert. Grundsätzlich.