Verhauer: Spaltensturz am Nesthorn Nordwestpfeiler
Das Nesthorn (3820 m) ist ein ästhetischer Berg, gut versteckt zwischen dem Lötschental und der Belalp. Die Nordwand des Nesthorns wurde 1933 durch Welzenbach und Drexel erstbegangen. Obwohl es bereits fünf Routen durch die Nordwand gibt, war der Nordwestpfeiler bislang unberührt geblieben. Das war für uns der Grund, eine Reise ins abgelegene Oberaletschgebiet anzutreten.

Schwer beladen gelangten wir mit den Tourenski am 19. Februar von der Belalp via Oberaletsch- und Beichgletscher zum Wandfuß. Auf 2900 m, direkt unter dem mächtigen Nordwestpfeiler, fanden wir einen perfekten Zeltplatz. Am nächsten Morgen stiegen wir mit dem ersten Tageslicht ein. Wir kletterten mit den Skischuhen und da wir nicht wussten, was uns erwarten würde, hatten wir zur Sicherheit die komplette Biwakausrüstung dabei.
Der Fels war überraschend kletterfreundlich und gut absicherbar. Wir kamen zügig vorwärts und erreichten bereits nach sechs Stunden den Punkt 3404 m. Von hier folgten wir knapp östlich des Grates der historischen Route von Kirkpatrick und Hope. Der weiche Schnee und unsere schweren Rucksäcke verlangsamten unser Vorwärtskommen und so standen wir schließlich erst kurz vor Sonnenuntergang, 10 Stunden nach unserem Aufbruch, auf dem Gipfel.
Wir stiegen im oberen Teil über den Normalweg ab und kürzten im unteren Teil durch einen steilen Gletscherarm ab. Nach 13 Stunden waren wir zurück bei unserem Zelt. Am nächsten Morgen querten wir den Beichgletscher, um via Beichpass ins Lötschental zu gelangen. Nach unserer Beurteilung war der Gletscher spaltenarm, gut eingeschneit und mit den Tourenski problemlos seilfrei zu begehen.
Dies stellte sich wenig später als fatale Fehleinschätzung heraus. Völlig unerwartet brach Peter durch eine Schneebrücke in eine Gletscherspalte ein. Nach einer Rutschpartie von knapp 20 Metern stoppte ihn eine Verengung mit einem kleinen Schneepodest. Glücklicherweise konnten wir ihm eine Reepschnur runterreichen und ihn wenige Minuten später rausziehen.
bergundsteigen Artikel: Die verborgene Gefahr – Risiko Spaltensturz bei Skihochtouren
Er war nur leicht verletzt und wir konnten unseren Rückweg ins Lötschental fortsetzen. Wie ist es möglich, dass uns erfahrenen Alpinisten und Bergführern eine solche Fehleinschätzung unterlief? Dieser glimpflich ausgegangene Zwischenfall ist eine große Chance für uns und alle Interessierten, das eigene Tun kritisch zu hinterfragen und daraus zu lernen.
Hier sind unsere wichtigsten Erkenntnisse: Einerseits sind Routine und ein großer Erfahrungsschatz unabdingbare Voraussetzungen, um überhaupt ein solch anspruchsvolles Bergprojekt voller Ungewissheiten mit vertretbarem Risiko anzugehen. Andererseits neigt man mit zunehmender Erfahrung dazu, Risiken mit geringer Eintrittswahrscheinlichkeit systematisch zu unterschätzen.
Besonders Profis mit viel Erfahrung neigen dazu, ihre Fähigkeiten zum Einschätzen seltener Risiken systematisch zu überschätzen. bergundsteigen #131 Sommer / 2025: Verhauen Nesthorn
Nesthorn Nordwestpfeiler
Erstbegehung von Silvan Schüpbach, Peter von Känel und Carlos Molina am 20. Feber 2025. Schwierigkeiten:
- M6, meist M3–M4, 60°
- ca. 1300 m, 900 Höhenmeter
- 1 Satz #0.2–3, ev. #0.3–2 doppelt
- sofern gut gefroren, griffiger Fels und gute Sicherungsmöglichkeiten
- eine lohnende Tour an einer der abgelegensten Wände der Schweiz
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