Regen im Hochwinter: Risiken für die Schneedecke
Regen bis auf über 2000 Meter – mitten im Hochwinter. Was früher ungewöhnlich war, wird mit dem Klimawandel schon heute zunehmend Realität. Immer öfter fällt Niederschlag in der Wintersaison bis in hohe Lagen nicht mehr als Schnee, sondern als Regen. Doch was passiert mit einer hochwinterlichen Schneedecke, wenn Regen ins Spiel kommt?
Schneebrettlawinen
Um diese Frage zu beantworten, ist es hilfreich zu verstehen, wie sich Regen auf die einzelnen, für eine Lawinenauslösung notwendigen Faktoren auswirkt:

Unmittelbar klar ist: Niederschlag stellt eine zusätzliche Last für die Schneedecke dar. Bei gleicher Wassermenge ist es dabei egal, ob der Niederschlag in Form von Neuschnee oder Regen fällt. Er kann damit unsere Rolle als Skifahrerin oder Skifahrer übernehmen und damit als auslösender Faktor für eine Lawine wirken. Spontane Lawinenabgänge nach Regenereignissen, aber auch nach intensiven Schneefällen, sind deshalb typisch.
Niederschlag wirkt als Zusatzlast und kann Spontanlawinen auslösen
Im Unterschied dazu verändert eine reine Schmelze im Frühling die bereits vorhandene Schneedecke vor allem durch Umwandlungsprozesse der Kristalle. Eine zusätzliche Last entsteht dabei nicht, ebenso wenig ein auslösendes Moment. Die Ursachen ausgeprägter Nassschneezyklen liegen in anderen Prozessen – dazu mehr im Frühjahr.
Bleiben wir im Hochwinter und betrachten den Einfluss von Regen auf die Eigenschaften des Schneebretts. Was macht ein „gutes“ Schneebrett überhaupt aus?
Ein ideales Schneebrett zeichnet sich durch zwei Eigenschaften aus:
Ein „gutes“ Brett ist also gebunden, aber elastisch.
Verbessern sich diese Bretteigenschaften nun durch Regeneinfluss? Eine klare Antwort gibt es darauf nicht. „Das ist bisher leider nicht erforscht“, sagt Christoph Mitterer vom Lawinenwarndienst des Landes Tirol. Ein besseres Brett aufgrund von Regeneinfluss sei in der täglichen Prognose kein präsentes Thema, so Mitterer. Es spiele also eine untergeordnete oder wenn, nur spezifischen Ereignissen zugeordnete Rolle.
Warum ist das so? Eine hochwinterliche Schneedecke speichert in der Regel viel Kälte. Die Temperaturen liegen deutlich unter 0 °C, die Schneedecke ist also weit von einem Schmelzzustand entfernt. Fällt in einer solchen Situation Regen, dringt das Wasser häufig nur einige Zentimeter tief in die Schneedecke ein. Oft betrifft die Durchfeuchtung lediglich die obersten Schneeschichten, die bei anhaltendem oder intensivem Niederschlag jedoch stark durchnässen.
Eine vollständige Durchfeuchtung geht immer mit einem starken Festigkeitsverlust einher: Die Kristallformen sind dann von Wasser ummantelt und verlieren ihre direkten Kontaktflächen zueinander. Die Bindungen zwischen den Kristallen werden damit deutlich geschwächt, in diesem Bereich ist dann keine Bretteigenschaft mehr gegeben. Die unterhalb dieser vollständig durchfeuchteten Schicht liegenden Schneeschichten bleiben häufig unbeeinflusst – weder das übrige Schneebrett noch bestehende Schwachschichten verändern sich dann unmittelbar.
Während und kurz nach dem Niederschlagsereignis wirkt Regen also vor allem als Zusatzlast. Doch die Lawinenprognose ist nicht umsonst eine Prognose: Es gilt dabei immer auch die langfristige Entwicklung der Schneedecke, die kommenden Wochen im Blick zu behalten. Und für die Entstehung zukünftiger Schwachschichten spielen Regenereignisse eine ganz entscheidende Rolle.
Dafür gibt es zwei Gründe:

Selbst wenn der mittlere Temperaturgradient, der klassischerweise über eine Spanne von zehn Zentimetern gemessen wird, keine Hinweise auf passende Bedingungen für eine aufbauende Umwandlung liefert, kann dieser Prozess also dennoch lokal in unmittelbarer Nähe einer Schmelzkruste stattfinden.
Das Ergebnis: ober- und unterhalb von Schmelzkrusten bilden sich besonders häufig kantig aufgebaute Schwachschichten aus.
Lawinen können dann in diesen neuen Schwachschichten ausgelöst werden. Sie gleiten nicht – wie es ein verbreiteter, aber irreführender Mythos nahelegt – auf der harten Oberfläche der Schmelzkruste ab.

Bedeutung für die Lawinenwarnung
Bis zu welcher Höhe Niederschlag als Regen oder feuchter Schnee fällt, ist deshalb eine für die Lawinenwarnung äußerst relevante Information. Der Lawinenwarndienst Tirol freut sich über Rückmeldungen zur trockenen Schneefallgrenze, also jener Höhe, ab der der aktuelle Niederschlag keinen Feuchtigkeitseintrag mehr in die Schneedecke verursacht. Rückmelden kann jede:r der draußen unterwegs ist – einfach und schnell über die Plattform SNOBS.

SNOBS: Die Community als Teil der Lawinenwarnung. Seit der Wintersaison 2024 gibt es mit SNOBS eine Plattform, auf der man Beobachtungen aus dem Gelände nicht nur für sich selbst sammeln, sondern auch direkt an die Lawinenwarndienste rückmelden kann. Zum Artikel
Nasse Lockerschneelawinen
Neben der spontanen Aktivität trockener Schneebrettlawinen ist während und nach Regenereignissen auch die Aktivität nasser Lockerschneelawinen stark erhöht.
Warum ist das so? Voraussetzung für eine Lockerschneelawine ist immer eine oberflächennahe Schneeschicht, innerhalb derer die Schneekristalle eine geringe Bindung zueinander aufweisen. Bei trockenen Lockerschneelawinen besteht diese bindungslose Schicht aus Neuschneekristallen – bei nassen Lockerschneelawinen besteht sie aus von Wasser ummantelten und damit bindungslosen Kristallen.

Wenn auch die darunterliegende, restliche Schneedecke bindungslos – also entweder komplett aufbauend umgewandelt oder vollständig durchfeuchtet – ist, können Lockerschneelawinen auf ihrem Weg die gesamte Schneedecke mitreißen und dabei große Ausmaße erreichen.
Regen ummantelt Schneekristalle mit Wasser, schwächt dadurch ihre Bindung und erhöht das Risiko für nasse Lockerschneelawinen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt: Auch eine spontane Lockerschneelawine stellt – ähnlich wie ein Regenereignis – eine Zusatzlast für die Schneedecke dar. Lockerschneelawinen können also zusätzlich einen Bruch in einer Schwachschicht initiieren und so auch noch eine Schneebrettlawine auslösen. Dies gilt teils auch für Situationen, in denen tiefer liegende Schwachschichten für Wintersportler:innen kaum mehr direkt zu stören sind.

Zusammenfassung: Was zu beachten ist
- Regen stellt eine Zusatzlast für die Schneedecke dar – spontane Lawinen sind oft die Konsequenz
- Durch Regen entstehen Schmelzkrusten, ober- und unterhalb derer sich bevorzugt kantige Schwachschichten ausbilden – Rückmeldungen zur trockenen Schneefallgrenze auf SNOBS sind erwünscht!
- Außerdem führt Regen typischerweise zu nassen Lockerschneelawinen. Diese können, wenn die Schneedecke darunter bindungslos ist, die gesamte Schneedecke mitreißen. Zudem stellen Lockerschneelawinen wiederum eine Zusatzlast für die Schneedecke dar und können deshalb auch Auslöser für Schneebrettlawinen sein.
Mehr Wissen zur Entstehung von kantigen Kristallen an Schmelzkrusten: