Was ich schon immer über Schnee & Lawinen wissen wollte, aber bisher nicht zu fragen wagte. – Teil 2
Altschneeprobleme hat es schon immer gegeben, weil sie einfach die Tatsache beschreiben, dass eine langlebige Schwachschicht (z.B. eingeschneiter Oberflächenreif) in der Schneedecke darauf wartet von uns Skifahrern gestört zu werden.
Nur rücken diese Situationen durch dieses neue Kommunikationsmittel „Lawinenprobleme“ deutlich in den Vordergrund. Zudem, wenn ein Altschneeproblem existiert, dann immer über sehr lange Zeiten (Wochen, Monate), weil es wie gesagt diese langlebige Schwachschichtproblematik beschreibt (siehe bergundsteigen 04/15 und 01/16).
Kritisch ist es einfach für alle, weil es schwer zu erkennen ist und letztendlich auch eher selten zu Lawinen führt. Wenn dann aber eine Lawine passiert, hat sie meist große Ausmaße, was für uns Menschen häufig tödlich endet. Frank Techel und Kurt Winkler haben rausgefunden, dass wir uns alle sehr schwer tun, ein Altschneeproblem richtig einzuschätzen und zu interpretieren, egal ob Anfänger oder Experte (bergundsteigen 01/15) – einfach weil es wirklich, wirklich schwer zu erkennen und zu interpretieren ist.
Wie gesagt, ein Altschneeproblem ist schwer zu erkennen. Man sollte konservativ und zurückhaltend sein, auch wenn viele steile Hänge gefahren werden:
Oder einfach bis zum nächsten Winter ohne Altschneeproblem warten. Berge und deren Abfahrten sind dann doch langlebiger als die langlebigste Schwachschicht.
Die Mitglieder der EAWS haben sich für diese Definition, die unter www.avalanches.org veröffentlicht wurde, entschieden.
Du hast Recht: Dadurch bleibt das Neuschneeproblem für Situationen mit einer kritischen Neuschneesumme, sprich sehr viel Niederschlag reserviert. Wenn Neuschnee mit Wind fällt, wurde entschieden, von Triebschneeproblemen zu sprechen. Inwieweit dies für Verwirrung sorgt, müssen die nächsten Winter zeigen. Allenfalls wird man da sicher gewillt sein gegenzusteuern.
Konkurrenz belebt das Geschäft…
Klar, die Analytik erfährt gerade wieder etwas mehr Aufwind, einfach weil sich in den letzten zehn Jahren das Verständnis über die Lawinenauslösung stark verbessert hat und man nun versucht, dieses Wissen in die Praxis zu tragen.
Mehr verstehen zu wollen ist sicher vom Erfolg, aber auch den Grenzen der regelbasierten Methoden angestachelt worden. Wer weiß, vielleicht stacheln nun die Analytiker die Probabilisten wieder zu neuem, besserem Verständnis an und in ein paar Jahren lesen wir dann wieder vermehrt Interessantes über regelbasierte Ansätze.
Die Schneedecke ist kein Fleckerlteppich. Viele Studien haben gezeigt, dass Schwachschichten über lange Distanzen sehr ähnlich sind, das Schneebrett und seine Eigenschaften aber etwas stärker variieren. Diese Variation führt natürlich zu Unterschieden in Bruchauslösung und Bruchausbreitung und diese gilt es zu finden.
Und ja, richtig angewendete Tests können uns dabei helfen, diese Fragen zu beantworten. Intuition ist nach meinem Verständnis die erlebte und gesammelte Erfahrung aus Beobachtung, Regeln und Analyse – somit verbindet sie Erfahrung, Analytik und Regeln bzw. Muster.
Ich bin ja generell ein Rosinenpicker und bediene mich gerne vom Besten und Schmackhaftesten aus einer reichlichen Auswahl.
Meine persönliche Herangehensweise ist:
Klar, mein Ansatz ist wohl der einzige … Spaß bei Seite, nein, natürlich nicht! Es soll ja auch Unterschiede geben – sonst kann man ja keine Rosinen picken. Allerdings, wenn man genauer schaut, sind die Unterschiede gar nicht so frappant.
Der Zusammenhang zwischen Hangsteilheit und Lawinenauslösung ist sehr komplex: Wir wissen ziemlich gut, dass mit zunehmender Hangsteilheit die Lawinenauslösung zunimmt. Studien der letzten 5-10 Jahre haben klar gezeigt: Je steiler umso leichter kann ich einen Bruch auslösen, je steiler umso leichter kann sich in vielen Fällen ein Bruch fortpflanzen und genau bei 30 Grad gleiten trockene Schneebrettlawinen ab.
Wie die sich die Zunahme von Bruchauslösung und Bruchausbreitung mit der Steilheit verhält, ist unklar und hängt von vielen mechanischen Materialeigenschaften von Schwachschicht und Schneebrett ab.
Somit bleiben die 30 Grad der einzige Schwellenwert, den wir wissenschaftlich fixieren können. Ab da wird es immer ungünstiger, wenn es steiler wird. Wieviel ungünstiger? Hängt eben von sehr vielen Dingen ab, ist aber egal, weil es einfach immer ungünstiger wird, je steiler es wird.
Gerade bei der Gefahrenbeurteilung im Skitourenbereich kommen doch einige sehr interessante und komplexe Themen zueinander: Mensch, Gelände, Schneedecke und Wetter.
Dass es da keine einfachen Antworten gibt, muss doch klar sein und macht, denke ich, einen Teil der Faszination aus. Trotzdem sind wir Menschen ja von Natur her eher faul: Man will sich halt bei der Bett- und Klolektüre nicht ganz so anstrengen und hofft auf einfache Faustregeln.
Das Problem mit den Faustregeln ist: Sie müssen einfach sein und perfekt funktionieren. Perfektion ist nicht dann erreicht, wenn es nichts mehr hinzuzufügen gibt, sondern wenn man nichts mehr weglassen kann, sprich reduce to the max. Insofern muss man den ganzen Aufwand betreiben, wenn man die einfachen, perfekten Faustregeln haben will, sonst weiß man einfach nicht, wann jetzt Schluss ist mit dem Weglassen.
Ich denke, für einen Einsteiger sollte klar sein, dass ich mich über 30 Grad in potentiellem Lawinengelände befinde. Er sollte die Zutaten für eine Schneebrettlawine kennen und erste Erfahrungen vermittelt bekommen, wie man sich geschickt im Gelände bewegen kann.
Von einem Experten erwarte ich mir gutes regelbasiertes und analytisches Wissen und dass er dieses Wissen in ein gutes Risikomanagement umsetzen kann. Wie ein professioneller Handwerker weiß der Experte, wann er welches Werkzeug einsetzen kann und soll.
Vor allem erwarte ich mir, dass er ein Fuchs im Gelände ist, weil wer die Schneedecke nicht im Griff hat, muss zumindest ein Meister des Geländes sein.
Die Frage, ob ich im Sommer dann frei hätte, gehört wohl zu den Spitzenreitern der falschen Ansichten. Natürlich nicht. Im Sommer werten wir Daten aus und machen viel, damit sich unser Wissen und die Lawinenwarnung verbessert. Damit wir aber den Bezug zum Schnee nicht verlieren, esse ich im Sommer jeden Tag mindestens ein Eis.